4 SÄTZE FÜR EINE SYMPHONIE

Die Argentinierin Agustina Sario und der Franzose Matthieu Perpoint, Künstlerpaar mit Sitz in Buenos Aires hätten bei uns im September, für die Saison-Eröffnung, mit ihrem Stück 4 SÄTZE FÜR EINE SYMPHONIE (4 MOVIEMIENTOS PARA UNA SINFONÌA) auftreten sollen. Wegen die Covid-19 Krise und Reise-Schwierigkeiten ist ein Kommen von Perpoint und Sario jeden Tag unwahrscheinlicher geworden. Wir haben zusammen an eine andere Lösung gearbeitet um das Stück in Wien auf die Bühne zu bringen. Sario und Perpoint werden dann von Buenos Aires aus, via Video-Anruf, die Regie führen. Ein KünstlerInnen-Liebespaar aus Wien wurde für diese Rolle gecastet : Laia Fabre und Thomas Kasebacher

4 MOVIEMIENTOS PARA UNA SINFONÌA  ist eine Arbeit über häuslichen Raum und Autobiographie. Das Paar und die Menschen, die es konstituieren, sind das Material, das dem Stück Gestalt gibt.
4 MOVIEMIENTOS PARA UNA SINFONÌA verkörpert die emotionalen Bindungen innerhalb des Hauses, in guten wie in schlechten Zeiten.

Symphonie für Münder und Fleisch
Reflexionen über 4 SÄTZE FÜR EINE SYMPHONIE

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    Das Patriarchat wird zusammenbrechen. Das skandieren wir in den Straßen, das ist die Botschaft unserer grünen Schals, die wir an unsere Handgelenke und Rucksäcken gebunden ha- ben (In Argentinien wurde der grüne Schal zum Symbol des Kampfes für das Recht auf Abtreibung). Und wie sieht es zu Hause aus? Wie bringt man das Patriarchat in der Küche, dem Haushalt und am Herd zu Fall?

    In Solo n°3, einem großen, dem Ursprung der Welt gewidme- ten Ritus, verwandelt Agustina sich in eine Göttin, begleitet wird sie von ihren beiden Musikern und Priestern in Perso- nalunion. Die beiden Männer, welche die Metamorphose auf der Ebene des Klanges ausdrücken, bleiben am Rand eines heiligen Kreises stehen. Die Weiblichkeit, die sich jeweils in eine Grotte, Kriegerin, einen Baum und eine Riesenvulva ver- wandelt, verbindet sich mit der Natur in ihrer sinnlichsten Form – im Rahmen einer öko-feministischen Performance. Der Ausgangspunkt zur Zerlegung der menschlichen Gestalt, zum Wachstum im Herzen der Tiere, der Pflanzen und des Or- ganischen ist der Körper der Frau.

    4 Sätze für eine Symphonie konstruiert ein radikal anderes Ökosystem: das traditionelle Bild einer Frau, die in der Küche wartet, den Herd überwacht, während der Mann den Gästen im Wohnzimmer Wein kredenzt. In diesem Fall sind die Gäste des Paares wir, das Publikum, dem beim Geruch des Schnitzels auf Mailänder Art von dem auf der Bühne aufgedrehten Ofen das Wasser im Mund zusammenläuft. Wie viele Dominanzsys- teme hier gleichzeitig versammelt sind! Ernsthaft? Angesichts der derzeitigen Emanzipationskämpfe stellen die Norm der Heterosexualität und die Tatsache, Fleisch zu essen ein fürch- terliches Sakrileg dar. Revolutionär = queer und vegan?

    Die vier Sätze finden sich in den Bewegungen heterosexueller Fleischesser wieder. Aber sie schlagen vor, die Bilder, die wir normalerweise mit der Küche assoziieren, aufzubrechen, indem wir mit Hilfe von Messern und Hämmern tief ins Innere des Fleisches eindringen. Alles wird zerlegt, zerstückelt, in Schei- ben geschnitten. Die szenischen Elemente werden zerhackt wie das Fleisch: kleine Videoabschnitte, Tonfetzen – am anderen Ende des Tisches, der sich über die Bühne zieht, zerschneidet und fügt der Musiker-Koch Damian Audiofragmente zusam- men. Das lange, weiße Tischtuch wird schnell schmutzig: Nein, lieber keine Reinheit, vielen Dank. Während das Publikum mit den Fingern Schnitzel isst und immer mehr Weinflaschen ent- korkt werden, wird Agustina zu Fleisch. In einem sinnlichen Tanz wälzt sie auf dem Boden ihren mit Ei bedeckten Körper

    in Mehl, wird jedoch nie zu einer Frau, die sich für die Deko- ration des gefräßigen Mannes hergibt, der sie begehrt. Da ist immer noch etwas von der Göttin von Solo n°3 zu spüren - in einer etwas christlicheren Variante, die uns ihren Körper und ihr Blut in einer hausgemachten Eucharistie anbietet. Und dieses Opfer erfolgt mit Leidenschaft, mit freudigem Blick auf ein künftiges Schnitzel-Dasein, in einer Empathie mit diesem Fleisch; auf dem Bildschirm erscheint zwischen zahlreichen Videoabschnitten Agustina, wie sie Fleischschnitten zusam- mennäht. In der Küche nähen heißt, die tierische Materie nicht nur als Gegenstand der Kaumuskeln zu betrachten, sondern als künstlerische Substanz, als ein zukünftiges Werk.

    Alles, was dann folgt, ist eine Geschichte des Fleisches. Der Liebe und des Fleisches. Der Aufgabe und des Verlangens, ab- seits jeglicher Moral. Agustina fragt sich, warum es sie so ab- stößt zu beobachten, wie die Nahrung in Matthieus Mund zer- kaut wird – und dann beginnt dieser zu singen. Der Mund ist so weit offen, dass man fast das Fleisch des Tons sehen kann, das aus den Tiefen seiner Eingeweide aufsteigt. Wenn die bei- den als Paar tanzen, sind sie keine in einer Beziehung zuein- ander stehenden Individuen mehr, sondern eine Fleischkom- position, die mit verschiedenen Möglichkeiten, in Kontakt zu kommen, einander zu stoßen und aufzuheben, experimentiert. Die Dame des Hauses und der Hausherr sind weg. Die patriar- chalen Strukturen sind verschwunden. Es bleiben nur noch die spielenden Körper, Hände, Schenkel und ein Auflachen. Wenn die beiden das Publikum auffordern, einen Stehblues in dem Raum zu tanzen, den sie mit Materie und Intensität gefüllt ha- ben, geht es nicht mehr um den ungeschickten Tanz Pubertie- render aus den 80er Jahren. Wir pressen Wange an Brust, Ko- telett an Schürze, Beefsteak an Beefsteak. Wir sind Teil dieser Tiersymphonie.
     

    Text von Leslie Cassagne
    Übersetzung von Isolde Schmitt


    Leslie Cassagne ist Tänzerin und Tanzforscherin. Sie schreibt derzeit an einem Doktorat an der Universität Paris 8 Vincen- nes-Saint-Denis über die Verwendung von Dokumentarmateri- al im zeitgenössischen Tanz zwischen Europa und Argentinien. Sie arbeitet regelmäßig für die Webseite maculture.fr. In ihren Werken werden die Erinnerungen von Gesten, geographische Verankerungen und Entwurzlungen hinterfragt.